Bürgerengagement
Bürgerengagement als strategische Ressource gestalten
Bürgerbeteiligung und bürgerschaftliches Engagement professionell zu fördern und zu orientieren ist eine Querschnittsaufgabe, die in der nachhaltigen Kommunalentwicklung unverzichtbar geworden ist. Umso mehr sollte diese Strategie in Zeiten des demographischen Wandels eingesetzt werden, um die begrenzten staatlichen Ressourcen mit den oft noch brach liegenden privaten Ressourcen zu multiplizieren.
In nahezu allen Publikationen zum demographischen Wandel wird gefordert, die Bürgerinnen und Bürger in die Planungen und bei infrastrukturellen Umgestaltungen einzubeziehen und ein kooperatives Stadtentwicklungsmanagement zu betreiben, das auch Finanzentscheidungen in die Bürgerschaft rückkoppelt.
Und weil Teilhabe und Freiwilligenarbeit in der Umsetzung fachlicher Strategien so wichtig, aber auch unübersichtlich sind, soll hier systematisch herausgestellt werden, warum bürgerschaftliches Engagement nicht der „billige Jakob” des reduzierten Wohlfahrtsstaates oder eine Hilfsfunktion im Prozess der Haushaltskonsolidierung ist, sondern ein zentraler strategischer Hebel für die Nachhaltigkeit, Qualitätssteigerung und Ressourcenaktivierung bei der Gestaltung des demographischen Wandels.
Die Bürgerschaft: Akteure, Zielgruppen, Multiplikatoren
Versetzen wir uns zwanzig Jahre zurück: Wenn der Bürgermeister in der jährlichen Belobigung verdienten Honoratioren die goldene Ehrennadel der Stadt ansteckte, war das schön, denn es kam ein nettes Pressefoto dabei heraus und der Profilierung des einen und dem Narzissmus des anderen war damit gedient. Was jedoch bei diesen herkömmlichen Formen der Anerkennung fehlt, ist ein Konzept, das systematisch darlegt, warum welche Akteure für das Gemeinwesen wichtig sind und in welchen Projekten auf welche Weise die Stadt mit ihnen gezielt kooperieren kann.
In einem modernen Verständnis von good governance ist „der Bürger” nicht mehr nur die Frau oder der Mann aus der gehobenen Mittelschicht oder der einzelne vom kommunalen Geschehen Betroffene gemeint. Auch der etwas abgegriffene Begriff „Kunde” drückt nur einen Teil der Realität aus. Im heutigen Jargon spricht man von Akteuren, Zielgruppen oder Multiplikatoren, womit auch institutionelle Akteure gemeint sein können.
Will man bürgerschaftliches Engagement systematisch stärken, ist es notwendig, den gesamten privaten Sektor nach relevanten Akteuren abzusuchen: in den Vereinen und Initiativen genauso wie in den Kirchen und Glaubensgemeinschaften, in den Organisationen des Dritten Sektors wie auch in den Verbänden und Unternehmen. Diese sind zwar immer durch Personen repräsentiert, doch hinsichtlich ihrer Potenziale geht es eben auch um die Organisation und ihre darin versammelten Ressourcen.
Dies ist kein Plädoyer für neue Formen des Lobbyismus. Die Addition von organisierten Einzelinteressen ergibt bekanntlich noch kein Gemeinwohl. Auch ist bekannt, dass das Engagement der Menschen in traditionellen Organisationen tendenziell abnimmt, während projektbezogene so genannte „unkonventionelle” Partizipationsformen, etwa in Initiativen, zunehmen. Dennoch sind Funktionäre von Vereinen und Verbänden wichtige Multiplikatoren, da sie immer noch ein beträchtliches Potenzial an aktiven Menschen hinter sich vereinen. Dies ist gerade in kleineren Gemeinden relevant dort, wo die demographischen Veränderungen großen Handlungsbedarf erzeugen.
Also: „Die Bürgerschaft” ist zwar auch, aber nicht ausschließlich als Aggregat von Anwohnern oder Privatpersonen zu verstehen, sondern die Bürgerschaft ist organisiert. Hilfreich ist daher ‑ leider steht im Deutschen kein vergleichbar gutes Wort zur Verfügung ‑ der Begriff „Stakeholder”, denn er kanalisiert die Suche der kommunalpolitisch Verantwortlichen nach interessanten Partnern durch drei Fragen:
• Wer ist interner oder externer Partner eines Projektes?
• Wer ist am Aufbau eines Projektes und an seinem Erfolg interessiert?
• Wer ist in der Lage und hat die Möglichkeiten, auf den Ausgang des Projektes Einfluss zu nehmen?
Relevante Akteure, die aus unterschiedlichen Motiven an einem gemeinwohlorientierten Projekt mitwirken möchten, bilden eine Art Verantwortungsgemeinschaft. Ziel der politischen Entscheider muss folglich sein, aus bestehenden Verantwortungsgemeinschaften handlungsfähige Verantwortungspartnerschaften zu schmieden, die sich um den Erhalt gefährdeter öffentlicher Leistungen oder um den Ausbau dringend benötigter Infrastruktur kümmern.
Fünf gute Gründe für mehr Dialog und Kooperation
Dialogverfahren mit betroffenen Bürgerinnen und Bürgern münden oft in bürgerschaftliches Engagement, wenn sie beispielsweise im Rahmen einer Schließungsdiskussion zur Überzeugung gelangen, eine gemeindliche Einrichtung, etwa die Bücherei oder das Bad, durch Eigenarbeit erhalten zu können. Umgekehrt ist bürgerschaftliches Engagement auf die Konsultation der aktiven Bürger durch die Politik angewiesen, wenn es auf Dauer tragfähig, koordiniert und handlungsfähig sein soll. Fangen wir mit der Konsultation an: Welche Chancen bietet sie für das Gemeinwesen, aber auch für die Politik?
1. Kommunen qualifizieren ihre Investitionsplanungen und richten sie zielorientiert aus
Die bekannten Planungskatastrophen, in denen man aus rein fachlicher, monodisziplinärer Sicht konsequent an der Bevölkerung vorbeigeplant hat, sind unter anderem dadurch entstanden, dass die öffentlichen Entscheidungsträger auf eine wichtige Informationsquelle verzichtet haben: das Erfahrungs‑ und Anwenderwissen der Bürgerinnen und Bürger. Fachspezifisches Wissen aus der Verwaltung und Laienwissen betroffener Anwohner sind wie Phosphor und Stickstoff beim Dünger Die Partizipationsstrategie ist die Rezeptur, die beide Elemente im richtigen Verhältnis zusammenbringt. Das Erfahrungswissen der Bewohner im Stadtteil, der Pendler im ÖPNV, der Sachverstand der Eltern und der Alten sind bei der Planung städtischer Infrastruktur unverzichtbar, um nachhaltige Lösungen zu erzielen.
In sämtliche fachlichen lnfrastrukturbedarfsplanungen ‑ von der Schulentwicklung bis zur leitungsgebundenen Infrastruktur ‑ müssen die Stakeholder eingebunden werden, um Fehlplanungen zu vermeiden.
2. Politiker sensibilisieren ihre Bürger und schaffen Akzeptanz für Entscheidungen
Neben der Konsultation im Rahmen einer Analysephase geht es in einer Phase von ,,Projektfindung” und Zielfindung auch um eine gesellschaftliche Diskussion der Zukunftsleitbilder und Langfristziele für die Gemeinde. Solche Leitbilder müssen realistisch sein und gleichzeitig motivierend wirken. Sie müssen einfach formuliert und anschaulich sein, Orientierung geben und Konsens stiften. Damit bilden sie eine Art mittelfristige Vertragsgrundlage zwischen Verwaltung, Politik und Privaten. Der aus dem demographischen Wandel entstehende Diskussions‑ und Klärungsbedarf zur Formulierung von Zielvorstellungen muss in die Planungsprozesse eingebunden werden.
Weil gemeinsam gesuchte Lösungen in der Regel besser sind als einsame Verwaltungsentscheidungen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Bürgerinnen und Bürger auch Angebotsreduzierungen (z. B. Rückbaumaßnahmen oder Umnutzungen) eher akzeptieren und dass neue, ungewohnte Dienstleistungen besser genutzt werden. Akzeptanz wächst auch dadurch, dass sich die Beteiligten mit den Lösungen eher identifizieren, da sie ernst genommen und in den Entscheidungsprozess eingebunden wurden.
3. Gemeinden bauen Identifikation auf
Bürgerbeteiligung ist Ausdruck von Identifikation der Menschen mit ihrem Ort, mit ihrer Region. Sie schafft aber auch Identifikation. Regelmäßige Konsultation, gut organisiert und von der Politik ernsthaft als Wissensgenerator genutzt, baut Parteienverdrossenheit ab. Bürger, die durch die Politik und mit der Politik im Dialog sind, haben mehr Wissen über die demokratischen Institutionen und damit auch Verständnis für getroffene Entscheidungen. Als ein wirksamer Dableib‑Grund für Anwohner gilt ‑ neben dem Arbeitsplatzangebot die Identifikation mit ihrem Gemeinwesen. Der soziale Zusammenhalt und die demokratische Teilhabe sind wesentliche Faktoren, die die Lebensqualität in der Gemeinde bestimmen.
Dies ist nicht nur aus dem Blickwinkel schrumpfender Gemeinden von Relevanz, die jüngere und gut qualifizierte Menschen an sich binden möchten.
4. Vereinte Kräfte multiplizieren die Wirkung
Neben der reinen Konsultation besteht die Möglichkeit der Kooperation mit Privaten. Dadurch entsteht ein besonderer Mehrwert, weil Akteure durch eigenverantwortliche Selbsthilfe konkrete Beiträge zur Produktion öffentlicher Güter leisten. Gefährdete Angebote der Daseinsvorsorge können so aufrechterhalten oder bestehende Angebote ausgebaut werden.
Die Verknüpfung von staatlichen Aktivitäten mit privatem Engagement bewirkt nicht eine Addition von Ressourcen, sondern ihre Multiplikation. Unsere lokalen Gesellschaften sind schlummernde Riesen, die von ihrer Verwaltung und Politik zu oft noch unerkannt schlafen gelassen werden. Es wäre ein enormer Gewinn an Lebensqualität, aber auch Leistungsfähigkeit unserer Demokratie, wenn die politische Steuerung, Verwaltung und die lokalen gesellschaftlichen Gruppen ein partnerschaftliches, koordiniertes Arbeitsverhältnis bilden würden.
Die notwendige administrative Unterstützung sollte Folgendes umfassen: Koordination (verwaltungsinterne Stabsstelle), Vernetzung (Ortsteilforen, Webseite), Ausbildung (Freiwilligenakademie), Räume und Infrastruktur (Freiwilligenagentur, Ehrenamtsbörse, Bürgerhaus).
• Von staatlicher Seite müssen Hilfestellungen nur einmal gut organisiert sein, um das enorme Potenzial mehrerer engagierter Gruppen mit ihrer Motivation, Kreativität und Handlungsenergie sinnvoll zu begleiten und zu coachen.
• Vereine und Initiativen wirken ihrerseits wiederum wie Multiplikatoren in ihre Dialoggruppen hinein und können weiteres Mitmachpotenzial erschließen.
• Die Vernetzung mehrerer in ähnlichen Feldern aktiver Gruppen kann zu einer besseren Abstimmung untereinander führen. So wird Doppelarbeit vermieden, werden blinde Flecken eher abgedeckt und die Ressourcen der Beteiligten geschont.
• Als Anerkennung und Dank soll der Ehrenamtler symbolisch, aber auch ganz konkret belohnt werden: freier Eintritt ins Schwimmbad, zu Konzerten oder anderen Veranstaltungen.
5. Kommunen investieren in ihr Sozialkapital
Können sich die Gemeinwesen, die unter finanziellen Krisen, Bevölkerungsentleerung oder sozialer Segregation leiden, den Luxus aufwändiger Beteiligungs‑ und Partnerschaftsmodelle überhaupt erlauben? Sie müssen es sogar. Gemeinden mit einer aktiven Förderpolitik bauen mit der Zeit einen Kapitalstock auf, der sich „Sozialkapital” nennt. Dieser wirkt jenseits der Buchhaltung, er steht in keinem Haushalt. Trotzdem besteht die Dividende aus stetigen Rückflüssen: Private leisten Inputs in die Produktion öffentlicher Güter und Dienstleistungen. Das können z. B. spezielles Wissen, Arbeitszeit und Energie, schließlich auch gestiftetes Geld sein. Das alles ist ökonomisch gesehen hochgradig sinnvoll.
Nicht zuletzt geht es aber auch um den Aufbau des wichtigsten Kapitals der Demokratie: das Vertrauen, das die Politik so schmerzlich vermisst. So wie Unternehmen auf ihre Unternehmenskultur setzen, müssen auch lokale Gesellschaften in ihr demokratisches Kapital investieren. Je größer die Identifikation der Menschen mit ihrem Gemeinwesen ist, umso eher kann Solidarität und Eigenverantwortung wachsen, umso größer ist auch der Sinn für das Politische in unserer Gesellschaft.
Die gezielte und strukturierte Förderung verschiedenster Formen bürgerschaftlichen Engagements ist also als rentierliche Investition zu verstehen: in die dauerhafte Leistungsfähigkeit öffentlicher Infrastruktur, in die Bestandsfähigkeit kleinräumiger Gesellschaften und in die Handlungsfähigkeit der lokalen Demokratie.
Drei Vorschläge, Engagement zu fördern
Ressourcenorientierte Verantwortungspartnerschaften anstreben
Wer mit relevanten Akteuren zusammenarbeiten und den „schlafenden Riesen” wecken will, muss sich vom klassischen Zuständigkeitsdenken verabschieden. Das gilt sowohl verwaltungsintern als auch nach außen. Schließlich ist nicht nur die Kommunalverwaltung der alleinig mächtige Akteur, sondern es gibt darüber hinaus den Landkreis, obere und untere staatliche Behörden, ein dichtes Netz freier Träger und schließlich viele einfache Menschen, die möglicherweise alle in einem Thema die Rolle der Stakeholder übernehmen.
Die Kommune und der private Sektor verfügen über Ressourcenprofile, die sich hervorragend ergänzen könnten.
Andererseits verharren zu viele routinierte Verwaltungen in ihren Ressort‑Silos, schuften wohl meinende Einzelkämpfer in den Fachabteilungen vor sich hin. Während hoch motivierte Bürger und Vereine parallel an den gleichen Themen arbeiten, zerreiben sich Fachpolitiker in den für alles zuständigen, aber für nichts verantwortlichen Fachausschüssen zwischen Einzelaspekten. Zudem wissen die meisten Akteure zu wenig übereinander oder haben furchtbare Fremdbilder voneinander, weil sie nie konstruktiv ins Gespräch gekommen sind.
Brach liegende Synergien aufspüren und kommunikativ verbinden
In manchen Kommunen sind überkommene Strukturen und Denkweisen regelrechte Synergieverhinderer: Eine fachlich versäulte Amtsorganisation und wenig integrativ denkende Führungskräfte sind mit verantwortlich dafür, dass viele Möglichkeiten, öffentliche Leistungen bei knappen Finanzen zu retten, gar neue Dienstleistungen anzubieten oder das soziale Zusammenleben zu bereichern, nicht realisiert werden. Solche Strukturen mindern die Fähigkeiten der Verantwortlichen, sich in andere Sichtweisen hineinzudenken und Bedarfe wie Potenziale zu erkennen. Leider wird daher oft noch in beiden Sektoren, öffentliche Verwaltung und Bürgergesellschaft, zu viel nebeneinander her gearbeitet.
Den schlafenden Riesen „Bürgergesellschaft” zu wecken bedeutet, ihm zu helfen, dass nach dem Erwachen (Sensibilisierung, Auftaktveranstaltung oder direkte Ansprache) seine einzelnen Gliedmaßen koordiniert miteinander arbeiten können. Auch sollten diejenigen, die ihn wecken, zunächst eine Sprache finden, die beide verstehen. In gezielten Einzelinterviews mit Vereinsvertretern, Runden Tischen mit betroffenen Akteuren und Expertenhearings werden viele Informationen gewonnen, wird Eis gebrochen und ein gemeinsames Verständnis entwickelt. Das fängt an mit der Sprache, wird in einer Leitbild- oder Zieldiskussion konkret und mit Kooperationsvereinbarungen produktiv.
Motivationen wahrnehmen und eigene Erwartungen klar kommunizieren
Partnerschaft auf Augenhöhe bedeutet zum einen, die Beteiligten „da abzuholen, wo sie stehen”, das heißt, ihnen sinnstiftende Kooperationen anzubieten. Beide Seiten, Kommune und privater Akteur, müssen auf Dauer ihren Nutzen davontragen. Gleichzeitig sollten auch die Erwartungen seitens der Kommune ehrlich vermittelt werden. So müssen die mit der Kooperation erhofften Einsparungen auf den Tisch. Unbestritten ist, dass bürgerschaftliches Engagement nicht im Sinne einer weichen Privatisierung als schnelles Mittel zur Haushaltskonsolidierung missbraucht werden darf. Andererseits gehört es zur Ehrlichkeit gegenüber dem bürgerschaftlichen Partner, dass die Kommune auf ihn Verantwortung überträgt. Das kann bis zur Finanzverantwortung gehen, was im Bereich der Wohlfahrtspflege ohnehin schon längst der Fall ist.
Andererseits sollten keine übertriebenen Erwartungen geweckt werden. Privates Engagement kann nicht der Ersatz von öffentlicher Daseinsvorsorge sein, sondern immer nur ihre Ergänzung. Umsichtiges Erwartungsmanagement ist auch der partizipativen Gemeindeentwicklungs‑ und Infrastrukturplanung hilfreich: Bürgermeinung, geäußerte Präferenzen und Bedürfnisse sind kein Ersatz für das demokratisch legitimierte Votum. Planungszellen und Runde Tische setzen sich nicht über den Ratsbeschluss hinweg. Auch dies muss in allen Partizipationsprojekten vorab vermittelt werden, sonst kommt es zu Glaubwürdigkeitsverlusten und Bürger wenden sich enttäuscht ab.
Zwei Fallbeispiele
Eine Partizipationsstrategie zur Gestaltung des demographischen Wandels bezieht sich auf viele verschiedene fachpolitische Handlungsfelder. Die Jugend- und Familienpolitik spielt hier eine ebenso wichtige Rolle wie das ehrenamtliche Engagement der Senioren. Im folgenden Abschnitt wird die Bedeutung dieser beiden Themenfelder exemplarisch beleuchtet.
Kinder und Jugendliche beteiligen: Engagement nachhaltig fördern!
Beteiligung, Mitwirkung und Mitbestimmung von jungen Menschen sind wichtige Hebel, um individuelle und gesellschaftliche Entwicklungsprozesse positiv zu beeinflussen. Partizipation schafft nicht nur Bildungschancen für die Einzelnen, sondern unterstützt auch gesellschaftliche Integrationsprozesse und fördert die Ausbildung demokratischer Wertorientierungen. Auch der Weg zu mehr Kinderfreundlichkeit wird ohne die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen schwerlich zum Ziel führen. Denn die Anforderungen junger Menschen an ihr Umfeld können Verwaltung und Politik alleine nur unzutreffend erkennen und erfüllen.
Wie aber können die Beteiligung und das Engagement junger Menschen wirksam gefördert werden? Die Mitwirkung der jungen Menschen hängt wesentlich von positiven Partizipationserfahrungen in Schule, Verein und Kommune ab. Außerdem sind ihr Informationsstand über die lokalen Beteiligungsangebote sowie ihr Zutrauen in die eigenen Kompetenzen ausschlaggebend für ihre Mitsprache. Ein engagierter Freundeskreis sowie der eigene Wunsch, etwas verändern zu wollen, motivieren darüber hinaus, sich schon früh für das Gemeinwesen einzusetzen.
Aktive Senioren: Potenziale des Alters nutzen!
Eine seniorengerechte Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens muss heute zwei Anforderungen gerecht werden: Auf dem Gebiet der Medizin, der Pflege, des Wohnens und der Bauplanung bedarf es noch vieler innovativer und seniorengerechter Ansätze, um den Anforderungen des Alterns in Würde zukünftig gerecht zu werden. Zudem sind die Potenziale der älteren Menschen für die soziale und ökonomische Weiterentwicklung der Kommune genau in den Blick zu nehmen. Dies gibt Anlass, sich über den intergenerativen Austausch und die Rolle von Geben und Nehmen in unserer Gesellschaft völlig neu Gedanken zu machen.
Denn für eine wachsende Zahl von Menschen bedeutet die Alterung zunächst mehr aktive und gesunde Lebenszeit. Anders gewendet: Wir werden weniger, älter und fitter! Gleichzeitig sind viele ältere Menschen auf der Suche, ihre private Zeit sinnvoll zu füllen und sich zu verwirklichen. Für die kommunale Entwicklung ist es ein kritischer, aber auch viel versprechender Erfolgsfaktor, wenn Senioren sich in ganz vielen gesellschaftlichen Bereichen aktiv einmischen.
Auch hier gilt das erste der drei Grundprinzipien der Engagementförderung:
Ressourcenorientierte Verantwortungspartnerschaften sollten nicht nur zwischen staatlichem und privatem Sektor gebildet werden, sondern auch innerhalb der Gesellschaft, zwischen den verschiedenen Gruppen. Auch hier kann man unterschiedliche Potenziale so miteinander verknüpfen, dass dabei etwas Sinnvolles für beide Seiten herauskommt. In der Regel wird hierdurch zudem ein gesellschaftlicher Mehrwert erzielt, der über die bilaterale Beziehung der beiden Akteure hinausgeht. Also: Alt hilft Jung ‑ Jung hilft Alt! Inländer hilft Ausländer ‑ Ausländer hilft Inländer! Senioren helfen Menschen mit Behinderung ‑ Menschen mit Behinderung helfen anderen Gruppen!
Die Rolle der Kommune liegt hier vor allem in der Vernetzung bereits bestehender Initiativen, als Bereitsteller funktioneller öffentlicher Räume, seniorengerechter Informationen. Wo einzelne Gruppen nicht den Überblick haben, wo Interesse besteht, sich zu engagieren, aber der nötige Zündfunke fehlt, kann das Seniorenbüro oder die aktivierende Befragung Hilfestellung leisten, soziale Schätze heben und Initiativen coachen.
Ausblick
Freiwilliges bürgerschaftliches Engagement ist nicht der billige Jakob des Wohlfahrtstaates. Dies gilt besonders unter dem Aspekt des demographischen Wandels und speziell der wachsenden Zahl älterer Menschen in unseren Städten. Wer ehrenamtliches Engagement auf die Funktion der Kostenentlastung öffentlicher Haushalte reduziert, verkennt dessen besondere zwischenmenschliche, ideelle und soziale Qualität und erzeugt ein völlig falsches Konfliktverhältnis zwischen ehrenamtlich und bezahlt Tätigen und ihren Interessenvertretungen. Der demographische Wandel ist eine große Chance für bürgerschaftliches Engagement: Für seine Förderung und Forderung gibt es zwar keine Patentrezepte, wohl aber viele Anregungen und Hilfen.



