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Heimat ­ ein politischer Kampfbegriff? Denkanstöße von Susanne Scharnowski

Heimat ist ein deutsches Schlüsselwort, das vor allem während gesellschaftlicher Umwälzungen Konjunktur hat, wie etwa während der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert.

Zweifellos erleben wir auch gegenwärtig eine solche Krisenzeit: Vor dem Hintergrund des sozialen Wandels durch Globalisierung, Migration, Urbanisierung und Digitalisierung ist Heimat zum politischen Kampfbegriff geworden, an dem sich Journalisten, Schriftsteller, Künstler und Politiker des gesamten politischen Spektrums abarbeiten. 

Bekenntnisse zur Heimatlosigkeit 

Eindeutig sind die Positionen vor allem an den Rändern: Die NPD nennt sich »Die soziale Heimatpartei«, und unter dem Namen »Thüringer Heimatschutz« agieren Neonazis. Auf der anderen Seite gilt Heimat als »Albtraum« und als Codewort für eine rassistische Gesellschaft. Autoren und politische Aktivisten vom linken Rand legen Bekenntnisse zur Heimatlosigkeit ab, weil sie die Rede von der Heimat als den »Soundtrack zur völkischen Mobilmachung«, die »Liebe zur Heimat« als Synonym für einen typisch deutschen »Hass auf alles, was die vermeintliche Idylle stört« oder Heimat überhaupt als »potentiell mörderisch« begreifen. 

Daraus ziehen manche die Schlussfolgerung, man müsse das Wort Heimat dem rechten Rand überlassen. Die Parteien der Mitte verfolgen eine andere Strategie: Sie bemühen sich darum, den Heimatbegriff zu besetzen, um den Bürgern zu signalisieren, dass ›Heimat‹ bei ihnen in besten Händen sei. Denn Umfragen zeigen: Die meisten Deutschen verbinden nur Positives mit dem Wort Heimat, wobei manche ihre eigene Heimat aus ganz unterschiedlichen Gründen als bedroht empfinden. 

Auch deshalb richtet die CDU/CSU Heimatministerien ein, skizziert Frank Walter Steinmeier zum Tag der Deutschen Einheit das Bild einer erst noch zu schaffenden Heimat, sucht Katrin Göring Eckardt mit der Trostformel »Es ist genug Heimat für alle da« Besorgte zu beschwichtigen. 

Heimat als subjektives Gefühl 

Parallel behaupten Autoren, Journalisten und Künstler, Heimat sei kein lokalisierbarer Ort oder konkreter Lebensraum, sondern wenig mehr als ein subjektives, persönliches und privates Gefühl, das sich an beliebige Orte, aber auch an Objekte oder Erinnerungen heften kann. In dieser Lesart werden die materiellen und konkreten Lebensbedingungen ausgeblendet, die dazu beitragen, ob eine Stadt, eine Region oder eine Gemeinde überhaupt die Voraussetzung bietet, als Heimat erlebt werden zu können. 

Damit ist der Kampf um die Deutungshoheit über das Wort Heimat zentrales Symptom der Konflikte, die der gesellschaftlichen Spaltung keineswegs nur in Deutschland, sondern etwa auch in Großbritannien, Frankreich oder den USA zugrunde liegen. Grob gesagt, verlaufen die Trennungslinien dabei zwischen einem akademisch gebildeten, hoch mobilen Milieu in den urbanen Zentren mit globaler Perspektive und einem Milieu bodenständiger NichtAkademiker eher an der Peripherie mit einer an Begrenzung, Gemeinschaft oder Nation orientierten Sicht, die auf Kosmopoliten reaktionär und engstirnig wirkt. 

Aber: Auch Rückwärtsgewandte gehören zur Gesellschaft, und nicht jeder Wunsch nach Bewahrung ist irrational oder illusionär. Vor allem in Zeiten des Umbruchs muss darüber gestritten werden, was eine Gesellschaft als erhaltenswert definiert. Und in diesen Debatten müssen alle Stimmen gehört werden, gerade auch die derjenigen, die um ihre Heimat besorgt sind, sich aber nicht ohne weiteres Gehör verschaffen können. 

Hinweis zum Buch:

Susanne Scharnowski: Heimat. Geschichte eines Missverständnisses. Darmstadt, April 2019

 

Susanne Scharnowski 

promovierte in Neuerer deutscher Literatur. Seit 2003 koordiniert sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin das Studienprogramm für internationale Gaststudierende mit eigenen Lehrveranstaltungen zur deutschen Kulturgeschichte. 

 

 

 

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