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Deutsch in der Schule

Deutsche Schüler glänzen vielleicht in vielem, aber nicht im Umgang mit ihrer Muttersprache. Es ist ja nicht so, dass sie ein gutes Deutsch sprächen, das durch ein gutes Englisch verdrängt würde (darüber ließe sich noch am ehesten reden) sondern ihr lückenhaft erlerntes, lieblos abgespultes Alltagsdeutsch mischt sich mit Globish, Weblish und Pop-Jargon zu einer Soße, die keinem schmeckt. Die Sturzflut der Anglizismen wäre ein geringes Problem, wenn sie auf einen fundierten Umgang mit der Muttersprache prallte; sie ergießt sich aber in ein Gemenge aus Unkenntnis von und Desinteresse an sauberem, kraftvollem Deutsch.

Deutsch in der Schule

Nun kann man die Muttersprache niemals mit einer Zweitsprache überholen. Wer in einer Fremdsprache brillant sein will (wie der erwachsene Vladimir Nabokov im Englischen), schafft das nur, wenn er in seiner Muttersprache mindestens ebenso brillant gewesen ist (wie der junge Nabokov im Russischen). Lausiges Deutsch zieht lausiges Englisch zwangsläufig nach sich. Gerade wer in einer englisch dominierten Welt sprachlich mithalten will, muss zuvor in seiner Muttersprache den Meister gemacht haben.

Insofern ist es schlüssig, was Dieter E. Zimmer nur halb ironisch vorgeschlagen hat: Wohlmeinende Eltern sollten erwägen, ihren Kindern Englisch als Muttersprache aufzunötigen (durch Auswanderung zum Beispiel oder durch ein entsprechendes Internat)  damit sie wenigstens in eine Sprache ungestört hineinwachsen.

Solange das Deutsche unsere Muttersprache ist,  wie gut beherrschen wir, wie tief lieben wir sie? Das ist die Kernfrage, und wenn die Antwort lauten könnte: "Wir meistern sie, und wir lieben sie", dann wäre die Invasion der albernen, der aggressiven unter den Anglizismen ohnehin blockiert. Aber lautet die Antwort so? Man soll nichts Übertriebenes fordern. Beunruhigend ist indessen: Gleich auf drei Schienen geht es bergab.

SCHIENE 1: Am Anfang müsste das lebhafte Gespräch in der Familie stehen. Gemeinsame Mahlzeiten waren einst die Regel und ein bisschen Geplauder über den Alltag hinaus nicht selten. Heute läuft der Fernseher oft schon beim Abendessen, die berufstätige Mutter ist überlastet, und der Sohn/die Tochter hält sowieso nicht viel davon, sich zu den Mahlzeiten mit den Eltern zu vereinigen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Vierjährigen, denen abends an der Bettkante etwas vorgelesen wird der Anfang aller Sprachkultur.

SCHIENE 2: Das Fernsehen und der Rechner haben das Buch als Medium der Information und des Freizeitvergnügens ins Abseits gedrängt: Ein Drittel der siebzehnjährigen Mädchen in Deutschland hat noch nie ein Buch gelesen, zwei Drittel sind es bei den Jungen, und stetig sinkt die Quote. Selbst Schundromane sind meist anspruchsvollere Sprachprodukte als das, was aus dem Fernsehen tönt  zumal wenn in den Nachmittags-"Talkshows" auch die untere Hälfte des Volkskörpers ihre Seele entblößen darf oder wenn schwitzende Sportler Gelegenheit bekommen, ihr Gestammel, das früher zu Recht nur fünf Umstehende hörten, in ein Sprachmodell für fünf Millionen zu verwandeln.

SCHIENE 3 (und um die geht es vor allem in diesem Kapitel): In die Schule strömen also Kinder mit einer deutlich geringeren Sprachkompetenz, als das vor vierzig, fünfzig Jahren der Fall war. Die Lehrer, vor allem aber die Kultusminister müssten folglich das Äußerste tun, um gegenzusteuern, mit Vehemenz und mit Phantasie.

Schulpolitik versagt

Aber hier brennt es allen Ecken. Schulpolitik und Schulpädagogik in Deutschland sind heute nicht mehr in der Lage, ihre Schützlinge solide in der Muttersprache und in der deutschen Literaturgeschichte auszubilden. Zahlreiche Fehlentwicklungen kommen hier zusammen: die geringe Stundenausstattung des Faches Deutsch als Schulfach zwischen der ersten und zehnten Klasse (nur ganze 16 Prozent der Wochenstunden); die Kürzung des Deutschunterrichts in der Grundschule zugunsten eines fragwürdigen Unterrichts in Früh-Englisch; die selbst in gymnasialen Klassenstufen oft nur üblichen drei Deutschstunden pro Woche; das Herunterfahren des nötigen Grundwortschatzes auf nur noch 700 Wörter am Ende der 4. Grundschulklasse und so fort; ein bilingualer Unterricht, der eher auf eine zweifache Halbbildung hinausläuft; der Verzicht auf das Auswendiglernen von Gedichten; das mikrochirurgische Analysieren kopierter Textauszüge als Leseverhinderungspädagogik; das Zustöpseln von Lückentexten anstelle zusammenhängender Antworten; "Deutschtests" als Ankreuztests usw. Und die eigentliche, die "hohe" Literatur fristet allenfalls noch ein Gnadendasein.

Der ausgebürgerte russische Germanist Lew Kopelew konstatierte dementsprechend 1989  entsetzt über den von den 68ern eingeleiteten literarischen Kahlschlag an deutschen Schulen und Universitäten  eine "Kulturrevolution ähnlich wie in China  nur ohne Mao".

In den Grundschulen grassiert dagegen das Früh--Englisch  kein Bundesland, in dem Englisch nicht bereits mit der 3. Grundschulklasse einsetzte. In manchen Bundesländern beginnt man damit schon in der 1. Klasse, sofern nicht bereits die Kindergärten mit englischem Immersionsunterricht (= "Sprachbad") angefangen haben. "Spielerisch", heißt es, geschehe dies.

Das Paradoxe daran ist ein Zweifaches: Erstens gehen die Unterrichtsstunden, die für dieses Frühenglisch aufgewendet werden, eben auch zulasten des Deutschunterrichts. Zum zweiten findet dieser Englischunterricht auf einem gewollt spielerischen Niveau statt, das den systematischen Erwerb des Englischen in den weiterführenden Schulen nicht gerade befördert. Im Gegenteil: Mittlerweile treten die Grundschüler in die 5. Klasse etwa des Gymnasiums über im Glauben, das Erlernen des Englischen setze sich nun auf der spielerischen Grundschulebene fort. Ein gewaltiger Irrtum, wie sich immer mehr herausstellt. Diese Schüler erst auf die Haltung umzustellen, dass das Erlernen einer Fremdsprache Schweiß und Sitzfleisch erfordert, dauert eine gewisse (verlorene) Zeit. Zweitens ist der motivierende Neuigkeits- und Neugiereffekt, der früher mit der ersten Begegnung mit der Fremdsprache ab der 5. Klasse verbunden war, dahin. Die vormaligen Grundschüler starten in den Fremdsprachenunterricht der Hauptschule, Gesamtschule, Realschule sowie des Gymnasiums mit einer aufgesetzten, falschverstandenen Routinehaltung.

Eine weitere Sackgasse ist der bilinguale Unterricht. Damit ist gemeint, dass  möglichst bereits in frühen Jahrgangsstufen  ein Sachfach wie Geographie oder Geschichte in einer Fremdsprache unterrichtet wird. Das klingt nach moderner Schulpädagogik, birgt aber zwei große Probleme: Zum einen gibt es viel zu wenig Lehrer, die etwa ein Sachfach und zugleich eine Fremdsprache so perfekt beherrschen, dass sie beides gleichermaßen anspruchsvoll "herüberbrächten". Selbst an einem Gymnasium mit 1.000 Schülern und 70 Lehrern gibt es höchstens fünf Lehrer, deren Fächerkombination Englisch/Geschichte, Englisch/Geographie oder dgl. ist. Für einen flächendeckenden und soliden bilingualen Unterricht sind das viel zu wenig. Zum zweiten, und dies ist das noch größere Problem, läuft bilingualer Unterricht vor allem in frühen Jahrgangsstufen auf eine zweifache Halbbildung hinaus, im Sachfach und in der Fremdsprache gleichermaßen. Denn beide Bereiche müssen dann so weit herunternivelliert werden (in der Sprache der "korrekten" Pädagogik: "didaktisch reduziert werden"), dass die inhaltliche Vielschichtigkeit und die sprachliche Differenzierung auf der Strecke bleiben.

Unser Vorschlag, mit den Schülern regelmäßig um Wortschöpfungen zur Eindeutschung überflüssiger Anglizismen zu ringen, stößt dagegen hart auf jenen Anglo-Jargon, mit dem gerade Schul-Bürokraten und Erziehungswissenschaftler Lehrer und Schüler überziehen. Quer durch die Republik übertreffen sich die ministeriellen Organe und ihre Lehrkräfte gegenseitig im "Bildungs-Denglisch". Dort wimmelt es nur so von: Best-Practice, ChatForum, Corporate Culture (CC), E-Learning-Sequenzen, Elterntalk, European Foundation of Quality Management (EFQM), Events, Feedback, Fit for Europe, Flip-Charts, Flow-Gefühlen beim Lesen, Girls Days, Groupware-Technologie, Internet-Portals, Inputs/Outcomes, Knowhow, Life-Long-Learning, Meetings, Netkids, Notebook, Parlament live, Powertraining Persönlichkeit, Science Days, Technik-Camp für Mädchen, Workshops u.a.m.

Damit ist der Gipfel aber noch lange nicht erreicht.

Angesagt sind jetzt  wohlgemerkt für "Bildung" : Quality Management, Marketing, Best Practice, Benchmarking, Just in time Knowledge usw. Fehlte nur noch ein Last Minute Learning, wenn die Schüler es nicht schon längst erfunden hätten. Eine Lehrergewerkschaft möchte endlich weg von einer inputbasierten hin zu einer outcomebasierten Schulpolitik. Fachzeitschriften für Schulleiter schwärmen von Leadership Challenge und Leadership Practices Inventory. Lehrgangskataloge bieten pädagogischen Führungskräften "Orientierungskurse mit Assessment-Übungen" und Fachbetreuern ein Train the Trainer. Bildungsmessen locken mit Innovation in Education, mit Online Community, mit Blended Learning, mit Monitoring mit dem "Lehrer Online". (Ob damit wohl der Lehrer gemeint ist, wie ihn Kultusminister/innen gern an der Leine hätten?)

Computer und Softwarefirmen machen ebenfalls auf "Bildung" und erfinden Notebooks for Education (abgekürzt: NO4ED). Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt! Und wenn diese Global Player besonders bildungsbeflissen sein wollen, dann gründen sie nicht etwa einen Bildungsbeirat, sondern einen Adviser Council, der sich wohlgemerkt geleitet vom Firmenbereich "Public"  mit Innovative Teachers oder mit Accessibility to E-Learning befassen soll. Leibhaftige Professoren aus dem Fachbereich Pädagogik treten dann als Council Member auf und meinen: "Die ganze Schule muss sich bezüglich E-Learning endlich committen". Zuvor aber lässt eine charmante Public Referentin ("Hallo erst mal von meiner Seite!") die Adviser nach dem Get Together Brainstormen und den dann entstandenen Ideen-Pool clustern, um bald zum eigentlichen Konsens-Meeting zu kommen.

Wir wollen der sprachlich nach unten offenen Richterskala nicht weiter nacheilen, denn "in" sind wir schon auch selbst und das sprachliche Trendscouting beherrschen wir ebenfalls; auch wir wissen um das Handling von Schule, wissen also, wie man Schule "handelt" (sprich: hääändelt): Wie wäre es mit New School? Oder Lean School? Wir gründen einfach eine Task Force und geben den Grundsatz aus: Simplify Your School! Zu den Must Haves einer solchen Schule gehören gewiss: Inhouse-Seminare (anstelle Pädagogischer Konferenzen), Brain Food (anstelle gesunder Pausenernährung), Crashkurs (anstelle der Schnellbleiche vor einem Extemporale), Clubwear (anstelle von Schuluniform), Fanzine (Fan Magazin anstelle von Schülerzeitung), Lifeskills (anstelle von lebenspraktischen Schlüsselqualifikationen). Der Unterricht wird zum Workshop mit einem kurzen einleitenden Briefing, Freiarbeit wird zum Freestyle Learning; letzteres aber wird gecancelt, wenn die Kids nicht smart und cool genug sind. Schulkonzerte werden zu Top Acts, Weihnachtsbasare zu Charity Events, zu denen Eltern, Opas, Omas, Tanten und Onkel mit Cl-Flyers empfangen werden (CI = Corporate Identity); finanziert wird das Ganze mittels Sponsoring und Fundraising. Am Wochenende dann öffnet sich die Schule für LAN-Parties (Local Area Net Parties), weil die Eltern ja null Time for Kids haben. Und für ein achtjähriges "Qualitätsgymnasium" wird geworben mit Anti-Aging by G8 (sprich: tschiii äjt).

 Sprachanalytisch gesehen, sind diese Kult, Prunk,Imponier, Fahnen und Gesinnungsbegriffe banale Platitüden: platt, flach, ja Fladen  Wortfladen im wörtlichen Sinn. Ihre Erfinder und Adepten sind Verbal-Pyrotechniker, pädagogische Pop-Corn-Maschinisten. Es zählt die verbale Verpackung, nicht der Inhalt. Tiefenpsychologisch handelt es sich hier um eine verbale Hyperventilation zwischen Imponiergehabe und infantil staunender Gläubigkeit. Der Begriff wird zum Fetisch, zur Zaubermacht, die aber sofort durch eine neue ersetzt wird, falls sie  wie zu erwarten  versagt.

Und dann hat diese bildungspolitische Verbalerotik im Volk der Dichter, Denker und großen Pädagogen viel mit Selbstaggression, nämlich mit Selbstverleugnung, auch mit Wunschdenken zu tun. Man kann mit Hilfe sprachlicher Narkotika ruhig schlafen, man braucht die Schule wie sie ist nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen, weil man ja die semantisch geschönte Realität hat. Damit ist man wieder beim Phänomen der Infantilisierung, beim kindlichen Animismus: Nicht die Realität zählt, sondern die Wunscherfüllung durch Halluzination und der Glaube an die magische Wirkung von Vokabeln.

Auch philosophisch ist die aktuelle bildungspolitische Windmaschine höchst bedenklich. Die Dialektik von Sein und Schein ist damit aufgehoben zu Gunsten des Scheins und einer Politik des "als ob". Die Dialektik von Zweck und Mittel ist aufgehoben zu Gunsten des Primats des Mittels. Was auf der Strecke bleibt, ist Bildung in einem umfassenden Verständnis. Politisch wird eine solche Sprache zum Politik-Ersatz, der das Etikettieren bereits für politisches Handeln hält. Freilich übersieht eine solche Politik, dass man Substanzverlust nicht mit Sprechblasenproduktion ausgleichen kann. Wer nämlich keine Substanz hat, glaubt auf alles Neue oder vermeintlich Neue sofort aufspringen zu müssen, und wirft das Bewährte und Schützenswerte über Bord.

Bildungspolitisch verrät sich in dieser Sprache eine bestimmte "Bildungs-Ideologie". Sie ist nämlich der Kotau vor einem flachen Ökonomismus und vor einem technizistischen Verständnis von Bildung. Die Versuche, auch in der Bildungspolitik und Schulpädagogik durch Wortneuschöpfungen Stimmung zu machen, tragen Früchte: Shakespeare braucht es nicht mehr, wie immer häufiger Bildungspolitiker selbst mit Blick auf das Gymnasium verkünden. Eine blanke "economical correctness" der deutschen "Bildungs"-Sprache mit ihrem Renommier und Verbrämungs-Neusprech presst die Pädagogik stattdessen in ein Schubladen und Schablonendenken. Das pädagogische Denken wird uniform, und es gerät unter die Herrschaft wirtschaftlicher Dogmen.

Soziologisch betrachtet gilt eine solche Sprache freilich als schick und weltläufig. Die "Schweigespirale" (Noelle Neumann) tut ein Übriges: Man neigt dazu, nichts gegen diese Protzsprache zu sagen. Man nimmt schließlich an, dass man sich sonst außerhalb des bildungspolitischen und pädagogischen Mainstreams stellt, man fürchtet sich vor dem Verdacht, man wolle keine "moderne", progressive "Bildung". Die Folge ist so oder so, dass die "veröffentlicht" Diktion quasi als Herrschaftssprache der "Eingeweihten" auf keinerlei Widerspruch trifft. Und Nietzsche hat erneut Recht: Die Zukunft und die Macht gehören jenem, der Sprachregelungen durchsetzt.

Es besteht jedenfalls Anlass zur Sorge, dass dort, wo die Sprache der "Bildun" verödet, schließlich auch die Wahrnehmung und das Denken selbst veröden. Nichts anderes als Verödung will ja beispielsweise der "Big Brother" in George Orwells Roman "1984". Dort sagt der am Wörterbuch des "Neusprech¿" bastelnde Sprachwissenschaftler Syme zu Winston Smith, der Hauptfigur des Romans: "Siehst du denn nicht, dass Neusprech kein anderes Ziel hat, als die Reichweite der Gedanken zu verkürzen? ... Es ist lediglich eine Frage der Wirklichkeitskontrolle. Aber schließlich wird das auch nicht mehr nötig sein. Die Revolution ist vollzogen, wenn die Sprache geschaffen ist." An anderer Stelle wird Winston Smith, in der Nähe des allgegenwärtigen Televisors stehend, beschrieben: "Er hatte die ruhige optimistische Miene aufgesetzt, die zur Schau zu tragen ratsam war."

So weit darf es mit der Bildungspolitik und ihrer Sprache nicht kommen. 

Deshalb geben wir die Hoffnung nicht auf, und sei es um den Preis, dass wir diese pädagogische Dampfplauderei so lange der Lächerlichkeit preisgeben müssen, bis sich auch deren Benutzer der Lächerlichkeit preisgegeben sehen.

Die Lehrer sind gefragt

Zwischen solche Minister, solche Eltern, solche sprech-  und lesefeindlichen Zeitmoden eingeklemmt, haben es die Lehrer so schwer wie noch nie. Viele von ihnen tragen freilich zum Niedergang erschwerend bei, weil sie ihrerseits einer Zeitmode anhängen: der Verteufelung des Leistungsdenkens im Geist von 1968, weithin gefolgt von einer Einstellung zum Lehren und Lernen, für die einer von uns als Präsident des Deutschen Lehrerverbands das Schlagwort "Spaß-Pädagogik" geprägt hat: Viele Lehrer verstehen sich als bloße "Lernberater", die mit den Schülern den Horror vor jeder Art von Plage teilen.

Doch wer sich nie plagt, wird nie etwas leisten. Die unregelmäßigen Verben einer Fremdsprache zum Beispiel kann keiner beherrschen, der sie nicht "gepaukt" hat, und plagen muss sich auch, wer eine besondere Art von Gewinn einfahren will: Gedichte auswendig zu lernen, um sie für immer zu besitzen. Dabei wird zunächst das Gedächtnis geschult, und das ist ein trainierbares Organ (jeder Schauspieler lernt seine fünfzigste Rolle schneller als seine erste), und dem Schüler dieses Training vorzuenthalten ist unterlassene Fürsorge.

Vor allem aber ist es für alles künftige Sprechen und Schreiben ein Gewinn, im Sprachzentrum ein paar Muster vorrätig zu haben, an denen man sich orientieren kann, ja die idealerweise auf das Sprechen und Schreiben abstrahlen. Es ist ein Unterschied, ob einer vorzugsweise mit Wörtern umgeht wie diesen, mit denen ein Kölner Kabarettist die Alltagssprache der meisten nur wenig karikiert:

 

Halb eins simmer raus, un jetz is es ja so, dat

weiß ja jeder, der dat schon mal jemacht hat, 

Wallfahrt, also da kriegs du ein Hunger, du 

kriegs, boah, also die janze, ja sischer, der 

Fußmarsch, die janze Lauferei...

Oder ob er oder sie zusätzlich Worte wie diese aufgesogen und abgespeichert hat (aus Schillers "Bürgschaft"):

Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut 

Und wirft sich hinein in die brausende Flut 

Und teilt mit gewaltigen Armen 

Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

 

Fünfzehn solcher Gedichte! Und die nächste PISA-Stichprobe mag kommen.

 

Sieben Forderungen an die Schule

1. Es sollte kein Schultag vergehen, an dem ein Schüler nicht eine Stunde Deutsch hat. Es sollte auch keinen Schulabschluss ohne Prüfung im Fach Deutsch geben.

 

2. Alle Fächer, nicht nur das Fach Deutsch, haben die Pflicht, die sprachliche Exaktheit zu fördern und zu bewerten.

3. Die Grundlagen für ein hochdifferenziertes Sprachverständnis und für einen gewandten Sprachgebrauch werden im ersten Lebensjahrzehnt gelegt. Hier liegen unerschöpfliche Potenziale brach, zumal da man weiß, dass sich Kinder in diesen Jahren täglich zwanzig und mehr neue Wörter einprägen.

4. Das Beherrschen der deutschen Sprache ist auch für Migrantenkinder das entscheidende Vehikel zur Integration in Schule, Beruf und Gesellschaft. Hier haben der Staat eine Bringschuld und die Migranten eine Holschuld.

5. Es soll keiner zum Abitur kommen können, der nicht einen halben Regalmeter deutsche Literatur gelesen hat und der nicht fünfzehn Gedichte sowie längere Passagen aus Goethes "Faust" auswendig kann. Kanonisches literarisches Wissen ist eine Voraussetzung für anspruchsvolle Kommunikation; ein Wissen unter aller Kanone dagegen lässt Kommunikation verflachen.

6. Die Rechtschreibreform bleibt der Kniefall vor der fortschreitenden Analphabetisierung der Gesellschaft. Gleichwohl machen die Schüler keinen Fehler weniger. Die Schule täte gut daran, den Schülern bei den offiziell zulässigen Variantenschreibungen die herkömmliche, ausdrucksstärkere und besser lesbare Schreibung zu vermitteln.

7. Nach dem miserablen Vorbild der Wirtschaft, der Medien, des Sports und leider sogar der Pädagogik greifen auch in der Sprache der Jugend Anglizismen um sich. Die Schule muss hier in jedem Fach und bei jeder Prüfungsarbeit korrigierend eingreifen und die Schüler zum Gebrauch der Ausdrucksvielfalt der deutschen Sprache erziehen. Oder jede Woche im Unterricht einen Anglizismus abzuschießen, wenn er zu den törichten gehört, das wäre auch eine fruchtbare Idee. Spräche der Lehrer gar die 3.805 Eindeutschungsvorschläge für das Brainstorming durch, wie sie bei unserer Aktion eingegangen sind, dann sähen die Schüler, wie ungeheuer bunt und biegsam ihre Muttersprache ist, und rund um die Hirnhatz, das Gedankenkotzen, den Synapsen-Tango gäbe es sogar viel zu lachen "Spaßpädagogik at its best".

(Kapitel 2 aus: Wolf Schneider, Cornelius Sommer, Josef Kraus, Walter KrämerDeutsch lebt! Ein Appell zum Aufwachen, IFB Verlag Deutsche Sprache 2010)

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