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Gegen die Wand gefahren!

Es scheint so, als habe die Politik in der Mehrzahl der Bundesländer eines der größten Projekte der Bildungspolitik in der Nachkriegszeit mit einem großen Rumms gegen die Wand gefahren. Verdacht auf Totalschaden!

So geht aktuell ein breites Elternbündnis aus Nordrhein-Westfalen gegen das dortige Gesetz zum gemeinsamen Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern auf die Barrikaden: Die Klassen sind zu groß, es gibt zu wenig Sonderpädagogen. Sowohl Regel- als auch Förderschulen drohen ihr Niveau zu verlieren. Viele ausgebildete Sonderpädagogen werden inzwischen an Regelschulen abgeordnet und an den Förderschulen etwa durch Ingenieure und Sozialpädagogen ersetzt. Eltern haben immer weniger Wahlmöglichkeiten, weil durch eine dirigistische Schulpolitik Förderschulen in zahlreichen Regionen geschlossen werden. Für den Besuch einer Förderschule nehmen deshalb viele Eltern für ihre behinderten Kinder mittlerweile weite, sehr weite Fahrwege in Kauf. Bündnissprecher Jochen-Peter Wirths kommt zu dem bitteren Schluss: »Wir sind auf einem Weg, der nicht zur Inklusion führt, sondern weg davon!«

Auffallend ist, dass gerade in den Ländern, die sich ihre Ziele besonders hoch gesteckt hatten, wie in kürzester Zeit die große Mehrheit behinderter Schülerinnen und Schüler in Regelschulen zu integrieren sei, der Widerstand und der Frust der Betroffenen besonders groß ist. Anders gesagt: Alle Länder, die den Erfolg ihrer Inklusionspolitik vorwiegend darin sahen, möglichst schnell die Quoten an Regelschulen unterrichteter Kinder hochzutreiben, indem sie Förderschulen schlossen, sind gescheitert.
Man macht es sich übrigens zu einfach, wenn man dieses Scheitern allein daran festmacht, dass es die Politik versäumt habe, die entsprechenden zusätzlichen personellen und finanziellen Ressourcen an Regelschulen für die Inklusion bereitzustellen. Es war vielmehr von Anfang an der Grundfehler einer idealistischen, genauer gesagt: blauäugig naiven Inklusionspolitik, unter Berufung auf größtmögliche moralische Ansprüche maximale Versprechungen zu machen. Der Eindruck wurde erweckt, als ob vollständige Inklusion nur Vorteile für alle habe und gemeinsames Lernen die ‘beste Pädagogik’ ermögliche.
Dabei ist es auch ein Fehlschluss, zu meinen, das Scheitern der bisherigen Inklusionspolitik rühre vor allem daher, dass sie nicht ausreichend finanziert sei.
Wenn Regelschulen grundsätzlich die gleiche, ausdifferenzierte sonderpädagogische Fachkompetenz wie Förderschulen bieten, ähnlich kleine Lerngruppen aufweisen und eine Doppelbesetzung während des Unterrichts ermöglichen sollen, dann war und ist dies schlichtweg auch für reiche Bundesländer nicht finanzierbar.
In einer Lehrerbefragung 2016 plädierten über achtzig Prozent der befragten Lehrkräfte für den vollständigen oder teilweisen Erhalt der Förderschulen, gleichzeitig über neunzig Prozent für eine Doppelbesetzung in Klassen an Regelschulen, falls dort Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind. Geschätzter Mehrbedarf an Lehrkräften bundesweit: 100.000, am besten
sofort! Mit solch einer Forderung verabschiedet man sich aber aus der Realpolitik.
Ehrlicher wäre es, endlich einzugestehen,
• dass die hastige Schließung von Förderschulen in einigen Bundesländern voreilig und falsch war,
• die Bereithaltung von Förderschulen dem richtigen Grundgedanken einer inklusiven Gesellschaft nicht widerspricht,
• gelingende Inklusion keine Frage von Quoten und Schnelligkeit, sondern von Qualität und sorgfältigen Konzepten ist.
Vernünftig wäre es auch, nicht auf der Basis von Visionen, sondern auf der Basis empirischer Forschungen Bildungspolitik zu machen. Das Ergebnis des bislang größten Schulversuchs in Hamburg zu lern-, sprach- und verhaltensgestörten Kindern war ernüchternd. Die inklusiv an Regelschulen unterrichteten Schüler erreichten nach der vierten Klasse keinen Anschluss an das sonstige Lernniveau, dafür hatte aber die allgemeine Leistung deutlich gelitten.
Im Mittelpunkt muss das größtmögliche Kindeswohl stehen. Um dieses zu gewährleisten, kann es im einen Fall sinnvoll sein, eine hochspezialisierte Förderschule zu besuchen, im anderen Fall, das Kind in einer Regelklasse anzumelden. Ideologische Scheuklappen helfen da nicht weiter.

Heinz-Peter Meidinger in Profil 5/2017, S. 3

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