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Das walisische Dorf der Steuerrebellen

Die Kleinen schröpft er, die Großen lässt der Fiskus laufen - diesen Eindruck haben viele Bürger, nachdem immer neue Tricks bekannt werden, mit denen Hochvermögende, Banken und Großkonzerne ihre Abgabenlast senken. Einer Gruppe von Geschäftsleuten im walisischen Crickhowell reichte es. Sie haben ihre ganz eigene Protestaktion gegen den Steuerirrsinn gestartet.

Stellen Sie sich einmal folgende Geschichte vor: Die Händler und Geschäftsleute der Haupteinkaufsstraße einer kleinen Ortschaft schließen sich zusammen. Sie engagieren Top-Berater und Juristen, die zu astronomischen Stundensätzen arbeiten, und lassen sich von denen erklären, wie sie ihre kleinen Betriebe - Kaffeeladen, Bäckerei, Optiker etc. - legal in Steuerparadiese verlegen können. Sie gründen Offshore-Tochterfirmen und entwickeln vertrackte Strategien, um das Geld, das sie Tag für Tag verdienen, zwischen Firmensitz und Briefkastenfirmen zirkulieren zu lassen, auf dass es stets dem Zugriff des örtlichen Finanzamtes entzogen ist. Mit diesem Plan in der Tasche besuchen die Unternehmer ihre Steuerverwaltung und verlangen, genauso behandelt zu werden wie die ganz Großen, wie Google, Amazon, Facebook & Co, die wenig bis gar keine Steuern bezahlen. Stets dabei ist ein Fernsehteam eines öffentlich-rechtlichen Senders.

In Deutschland wäre diese Geschichte undenkbar. Einzelhändler heißen hier Einzelhändler, weil sie stets einzeln handeln und sich nie zusammenschließen würden. Und wer hier Steuern sparen will, macht das im Verborgenen. Zu groß ist die Gefahr, als asozial stigmatisiert zu werden - beispielsweise von einem Magazin eines öffentlich-rechtlichen TV-Senders.
 
Deshalb spielt diese Geschichte auch nicht in Deutschland, sondern in Wales, in einer Kleinstadt namens Crickhowell – ein Ort so schön wie die Kulisse in einem Rosamunde-Pilcher-Roman. Die handelnden Personen sind allerdings weit spannender als jede Rolle in den pseudobritischen ZDF-Schmonzetten. Die renitenten Firmenbesitzer Crickhowells heißen Jo, Irena, Steve und Jeff. Die Steuerparadiese der hart arbeitenden Kleinunternehmer sind die Isle of Man und Amsterdam. Der öffentlich-rechtliche Sender ist natürlich die BBC.

Charmanter kann Protest kaum sein. Während in Deutschland Buchhändler ihre Kunden mit Amazon-Boykott-Aufrufen agitieren und jedem Online-Shopper vom Ladenbesitzer nebenan ein schlechtes Gewissen gemacht wird, nehmen die Waliser ihr Steuerschicksal in die eigenen Hände. Motto: Was die Großen können, können wir auch! Knapp 9.000 Likes hat die „Fair Tax Town“ mittlerweile auf Facebook. Was als Aufstand einer kleinen Geschäftsstraße begann, ist mittlerweile eine Bewegung geworden. Immer mehr Ortschaften schließen sich dem Protest an.

Das Ziel der Kampagne ist: Alle sollen zahlen! Es geht Jo, Irena, Steve und Jeff nicht wirklich darum, keine Steuern mehr abzuliefern, sondern Druck auf die Regierung zu machen, auf dass diese den trickreichen Steuervermeidern das Handwerk legt. Doch es könnte am Ende ganz anders kommen. Gut möglich, dass der Steueraufstand kleiner und mittlerer Unternehmen dazu führt, dass den „Big Boys“, wie die Konzerne von den Walisern genannt werden, die Wege in die Steuerparadiese nicht etwa versperrt werden. Vielleicht steht am Ende der Initiative die Abschaffung oder wenigstens eine drastische Senkung der Unternehmenssteuern.

Man kennt das bereits vom deutschen Dosenpfand. Damit wollte die Regierung die Mehrwegquote steigern. Doch am Ende ist das genaue Gegenteil passiert. Viele Szenarien sind jetzt denkbar. Was, wenn sich herusstellt, dass kleine Firmen mit dem gesparten Geld weitere Mitarbeiter anheuern (die dann ja ihrerseits wieder Steuern zahlen)? Was, wenn die „Big Boys“ ihre UK- Dependancen schließen und ihre Mitarbeiter entlassen (die dann ja ihrerseits keine Steuern mehr zahlen)?

Die Bewegung ist der Einstieg in den fairen Standortwettbewerb

Das Fair Tax Movement ist der Einstieg in einen echten steuerlichen Standortwettbewerb. Da bisher nur die Großen die juristisch komplizierten Konstrukte zur Steuervermeidung aufbauen und überhaupt nur nutzen konnten, sah sich bisher auch keine Regierung gezwungen, wirklich faire Unternehmenssteuern zu beschließen. Fleischer, Blumenhändler und Fahrradwerkstätten hatten keine Chancen, ihnen zu entfliehen.

Fünf Millionen kleine Betriebe, so sagt es der nette und doch sichtlich schockierte Mensch in der Londoner Finanzverwaltung vor der BBC-Kamera, gebe es in Großbritannien. Denen gegenüber stehen 2.000 Konzerne, von denen viele über ihre Auslandsfirmen dafür sorgen, dass sie weniger Steuern zahlen als ein Dorfbäcker. Man muss halt nur wissen, wie es geht - völlig legal.
 
Wenn nun aber die Lobby der Dorfbäcker, Fleischer, Buchläden und Kaffeeverkäufer nicht nur in England, sondern beispielsweise auch im Hochsteuerland Deutschland dafür sorgt, dass ihre Klientel egale Offshore-Strategien nutzt, werden sich diese Länder Gedanken über ein wirklich faires Steuersystem machen müssen. Eines, das Unternehmer eben nicht dazu zwingt, an schönen und weit entfernten Orten der Welt eine Briefkastenfirma zu unterhalten.

Ein System, wie es beispielsweise in Estland zu finden ist. Unternehmensgewinne werden dort völlig steuerfrei gestellt, wenn sie in der Firma verbleiben. Wer also in sein Unternehmen investiert, muss vorher nicht noch Strafgebühren an den Staat bezahlen. Erst wenn die Inhaber den Gewinn aus ihrer Firma entnehmen, wird er
der estnischen Flat Tax von derzeit 20 Prozent unterworfen. Es könnte alles so einfach sein. Und je mehr Orte sich dem Fair Tax Movement anschließen, desto wahrscheinlicher wird es.

Weitere Informationen:
www.fairtaxtown.com
JAN-PHILIPP HEIN in: liberal 4.2016, S.36 f

 

 

 

 

 

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